Samstag, 3. Mai 2008

La rose epineuse

Eine etwas ältere Arbeitsprobe, die mal aus dem Affekt heraus entstanden ist. Ich hab sie noch ein wenig abgeändert (es ist teilweise lustig zu merken, dass ich vor einem Jahr mit der Zeichensetzung noch nicht so wunderlich klarkam), aber im Grunde nur nochmal kurz drübergelesen.
Für die Pathetik!



Ich liebe sie...

Diese Worte schweben in meinem Kopf, seit ich sie getroffen habe.

Ich liebe sie...


Es war einer der schönsten Momente in meinem Leben. Einer der wenigen, die man nie vergisst, weil sie zu viel Bedeutung tragen und sie doch keiner gänzlich versteht.
Aber er brachte mehr Schmerz mit sich, als ich es je zu befürchten gewagt hatte.

Was tun, wenn alles auseinander fällt, das einem einst etwas bedeutete und fortan einen dunklen Schatten wirft? Ich habe nie richtig verstanden, was es bedeutet ... dieses große Dasein, auf das uns ein jeder vorbereitet und das doch immer ein Rätsel zu bleiben scheint. Es soll nur ein winziger Moment, ein kleiner Augenblick sein, der einen alles begreifen lässt. Vielleicht war es diese traurige Episode, meine eigene Rhapsodie, das, was alles verändert ... doch ich wünschte, diese Erfahrung nie gemacht zu haben.

Ich könnte alles ändern. Das Leben zurücklassen, alles, was mich damit verbindet – neu anfangen. Vielleicht bin ich dafür zu feige, vielleicht auch zu romantisch.
Aber nichts hat mich jemals so berührt, je so fasziniert. Niemand vermochte je mich so zu lieben. Und wahrscheinlich wird es auch niemals jemand wieder tun.

Was bleibt ist diese große Leere, die ich zuvor kannte, aber nie so richtig spüren wollte.

Ich liebe sie...


Der Morgen am nächsten Tag... Heller Sonnenschein und dennoch ist es kühl. Draußen schlägt der Wind die verdorrten Blätter die Straße entlang und an die Fassaden.
Das Zimmer ist dunkel. Die schwarzen Vorhänge bedecken die sowieso schon zu kleinen Fenster und so gelangt das Licht gerade nur bis zum Bett, das mittig an der Wand platziert ist. Gegenüber ein Durchgang, direkt in den Flur, daneben ein Spiegel auf einer kleinen Kommode aus Eschenholz. Sie sitzt in einem lilafarbenen Nachthemd davor, doch ich kann ihr Gesicht nicht erkennen: sie verdeckt den Spiegel mit dem Rücken.
Ich sammle meine Sachen auf, die teils auf dem Fußboden, teils auf dem Bett verstreut liegen und ziehe sie in einer zufälligen Reihenfolge an. Dann horche ich auf. Ein leises Schluchzen.
Sie weint.
Ich laufe langsam auf sie zu; - so langsam, dass es mir wie eine Ewigkeit erscheint, bis ich bei ihr bin. Mir schießen tausend Gedanken durch den Kopf – keiner davon ist etwas Greifbares.
Ihr braunes Haar ist noch etwas zerzaust und das Make-up um ihre Augen, zumindest das, was die Nacht überstanden hat, verläuft nun in dürren Streifen über ihre Wangen.
Sie ist wunderschön.
Ich lege meine Hand behutsam auf ihre Schulter. Sie beginnt ein wenig zu beben, doch nur so leicht, das man es kaum spürt. Wir blicken uns gegenseitig im Spiegel an, keiner von uns vermag etwas sagen.
Sie schließt kurz die Lider, bevor sie sie wieder weit öffnet und ihre großen grünen Augen zeigt.

Und beginnt plötzlich zu lächeln...

Mit einem Mal, ohne Vorwarnung, ohne irgendetwas – wird mein ganzer Schmerz hinweggespült. Jedes Bedenken ist gleichgültig, jedes Zögern überflüssig. Ich fühle mich frei. So frei, wie ich mich schon seit meiner Kindheit nicht mehr gefühlt habe.
Mit einem Mal drehe ich mich etwas seitlich nach vorn. Unsere Lippen berühren sich. Tränen rinnen über das Gesicht, meine Hand rutscht allmählich über den Stoff an ihre Hüfte. Ich höre auf zu denken...


Ich schließe die Tür des Treppenhauses hinter mir. Dann bleibe ich einen Moment stehen und schließe die Augen genau wie diese Tür. Dann schiebe ich die Hände in die Taschen meiner Jeans und laufe gegen den Sturm an.
Weder der Wind, noch die Kälte lassen sich spüren, ich fühle nur diese große klaffende Leere. Was bin ich, mit dem Wissen sie nie wieder sehen zu dürfen?
Menschen laufen an mir vorbei wie schwarze Schemen, die von Gasse zu Gasse huschen. Der Tag wird zur Nacht und tausend Sünden werden verrichtet. Was bleibt, als ein großes Loch aus Nichts?
Ich beginne zu rennen, weil ich die Tränen nicht mehr zurückhalten kann. Allein, ohne Träume, ohne Herz. Zerrissen und leer.

Schließlich erreiche ich mein Ziel: Das städtische Krankenhaus. Ich sehe die selben Leute wie jeden Tag. Die selben Schwestern, die selben Ärzte... das selben Zimmer.
Eine der Pflegerinnen reinigt gerade die Fensterbretter mit Inbrunst. Auch sie kenne ich, zumindest flüchtig.
„Wie geht es ihr heute?“, frage ich. Als sie mich bemerkt, schreckt sie ein wenig hoch und macht dann wuselige Anstalten das Zimmer zu verlassen, nachdem sie noch mit unverfroren herzlos mitfühlender Befangenheit meint: „Genauso wie seit 2 Jahren.“ Ein kurzes Lächeln, dann ist sie verschwunden. Und während ich ihr blondes Haar ein wenig glatt streife, über ihre Wangen streichle und die Bettdecke über ihre Schultern lege, ziehe ich mir einen Stuhl an ihre Liege, vergrabe dann meinen Kopf in den Armen und versinke in einem See von Tränen, der mich noch ein Jahr umspülen wird.

Ich liebe sie...
Mehr als alles andere.

Donnerstag, 20. März 2008

Fische im Regen

„Wo fahren wir überhaupt hin?“, fragte ich mehr rufend als irgendetwas anderes. Der von einer dicken dunkelgrauen Wolkenschicht geknebelte Himmel öffnete nach und nach die Schleusen und der anfängliche Nieselregen verwandelte sich in große fette Tropfen, die zögerlich vom Himmel fielen und den Asphalt der Straße mit unförmigen Flecken tränkten.

Die Antwort auf meine Frage ging in einem Donnerschlag unter, dessen Auslöser einen verschwindenden Teil des Himmels wenige Sekunden zuvor erleuchtet hatte und der Vorbote des nun immer schneller hereinbrechenden Gewitters war. Inzwischen lieferte mir mein immer wieder abschweifender Geist die Erkenntnis, dass sie schon an die hundert Meter weit weg sein musste und indem ich mich von dem inzwischen einfarbig feuchten Boden abstieß, bewegte sich mein Fahrrad wenige Radschläge den Anstieg hinauf, bis meine Füße die Pedalen zu greifen bekamen und ich hastig hineintrat. Meine Augen fixierten den nun nur noch kleinen hellen Punkt, der vor mir in einem fast schon gemütlichen Tempo die Straße entlang rollte, mit meinem Näherkommen immer größer wurde und schließlich ein Gesicht preisgab, dass sich die mit Wind und Regen geschlagen tanzenden Gerstenhalme auf den Feldern besah, welche unablässig Silhouetten und Wellen formten, während ihre Farbe sich immer weiter verdunkelte und ihre Bewegungen träger wurden.

„Wo fahren wir hin?“, fragte ich abermals, diesmal mit leiserer Stimme als zuvor, aber durch das Ankämpfen gegen Wind und Regen und mein gesteigertes Tempo fast heiser hechelnd. „Zu mir.“, lautete die knappe Antwort. Etwas in ihrer Stimme verriet mir, dass sie die Belegung dieser zwei Worte tatsächlich beabsichtigt hatte und untermalte meine Vermutung mit dem gescheiterten Versuch, ein Lächeln zu unterdrücken, was aus der Mundbewegung einen Kampf zweier zusammengepresster Lippen machte, die sich schließlich einer Zahnreihe ergaben. In meinem Gesicht musste ähnlich vonstatten gegangen sein, jedoch schlossen Lächeln und das Ankämpfen dagegen keinen Pakt, sondern lösten sich in den Atomkrieg eines lauten Kicherns auf.

Wir hatten inzwischen aufgehört zu treten und rollten immer noch von fetten Tropfen gegeißelt den Abhang hinunter und wichen auf sehr ungeschickte Weise den Autos aus, welche uns auf der schmalen, von Ahorn begrenzten Allee entgegen kamen und meist mit genervt blickenden Einzelpersonen besetzt waren. Wir waren inzwischen so nass vom Regen, dass selbst der Fahrradsattel sich schon mit Wasser vollgesogen hatte und nun bei jeder noch so winzigen Bewegung ein leichtes Flutschen und Quietschen abgab. Dass wir noch etwa zwanzig Minuten zu fahren hatten und es stetig kälter wurde, interessierte uns wenig.

„Ich wette, Ende des Jahres werden die Japaner wieder an allem Schuld sein...“, meinte sie plötzlich mit einem fast schon nachdenklich ernstem Blick. Ich schaute sie verdutzt an, meinte dann aber unverhohlen: „Denke ich auch, aber die Isländer werden das nicht zulassen und ihre Alpakalieferungen stoppen, vielleicht sogar wieder Wale fangen!“ Mir wurde schlagartig klar, dass das nicht so witzig gewesen war, wie beabsichtigt und nur wenige Sekundenbruchteile später kam ich auf tausend neue Gedanken, wie ich hätte antworten können. Sie gab trotzdem ein leichtes Kichern von sich, wobei ich nicht zu deuten vermochte, ob es aus Belustigung, oder Kulanz entstanden war.

„Ich meinte die Sache mit den Brotpreisen...“, fügte sie dann erwartungsvoll hinzu, während mein Hirn begann, alle Szenarien von Weltkrieg bis hin zu globaler Erderwärmung abzuspielen, die diese beiden Aussagen sinnvoll miteinander verbinden könnten. Dann fiel mir auf, dass links und rechts von uns noch immer Felder über Felder lagen – eine Tatsache, die ich schon lange wieder ignoriert hatte. „Du meinst...“ Ping! In meinem Kopf tauchte das so verbittert ersehnte Ausrufezeichen auf. „Regen, Ernte, Brotpreis, Japan?“, verband ich unbeholfener Weise ohne jede Satzstruktur und zog dabei die Augenbrauen auf Halbmast. „Gut kombiniert.“, kam die lobende Bestätigung, die von einem Augenzwinkern und dem daraus resultierenden fragenden Blick begleitet wurde. „Du solltest Kryptologin oder so was werden, bei deinen Gedankengängen braucht man ja Maschinen.“ Ich hatte immer noch nicht an Humor gewonnen. „Neee, dann lässt du dich ja von den Russen anwerben und bekommst Superheldenstatus.“ Sie verzog die Wangen nach innen und schielte sich in eine Grimasse hinein, während ich noch triumphierte, keine sechs Sekunden gebraucht zu haben, um den Sinn dieser Bemerkung zu durchschauen.

„Dann nehm’ ich lieber die Kubaner, bei denen ist es wenigstens warm.“ „Ui ja, Kuba!“ Ihr ernsthafter Weise euphorischer Blick mit den großen tiefen Augen ließ mich nicht nur abermals dahinschmelzen, sodass ich fast die Kurve verfehlte, sondern auch unheimlich peinlich unterdrückt feixen. „Schauen wir erstmal, wie wir das karrieremäßig überstehen. Die erste Million für die Villa in Italien müssen wir unbedingt einrechnen, danach können wir immer noch über eine kubanische Winterresidenz nachdenken.“ Ich machte Augen wie ein Fisch.
Sie quittierte das mit einem Gesichtsausdruck, über den ich nicht länger nachdachte und wechselte dann das Thema, während wir kurz vor dem nächsten Dörfchen auf einen dünnbewaldeten Forstweg einbogen: „Du, ich frag mich, wie lange wir noch so weitermachen können.“ Ihr plötzlich ernster Blick verwirrte mich vollkommen, zumal ich nicht verstand, was sie mit dieser Aussage meinte, noch, was sie damit bezweckte.

„Ich meine dieses ständige mit dem Fahrradherumgefahre und diese ganze Spinnerei. Wir wohnen weißgott wie viele Kilometer voneinander entfernt und wenn ich studieren gehe, dann bestimmt nicht hier in der Umgebung.“, deutete sie mein Schweigen auf den Punkt genau. Mein Blick wurde ebenso glasig wie der ihre. „Ich weiß was du meinst...“, versuchte ich irgendeine Antwort zusammenzubasteln, aber mein Vermögen etwas dazu zu sagen erschöpfte sich damit auch schon fast, bis ich schließlich auf die Idee der Verdrängung zurückkam: „Aber denkst du nicht, dass wir uns darüber noch überhaupt keine Sorgen zu machen brauchen?“ „Du, ich mach mir aber verdammt viele Sorgen... so ein paar Monate sind schnell herum, du hast ja erlebt, dass man in Eden nur mit Kinderkarte reinkommt.“ ...und während ich Idiot noch über die Präposition nachdachte, dämmerte bei mir so langsam die Schönheit ihrer Metapher. Inzwischen fuhr sie schon fort: „Und weißt auch, dass schon so ein paar Kilometer eine ungeheure Belastung sind, das wird dann nochmal schön verzehnfacht, deine Eltern funken dazwischen, ich werde dann auch keine Zeit mehr haben, weil wir ja auch nicht im Geld schwimmen...“

Sie versank in Verzweiflung und suchte mit dem Kopf nach Worten, weil sie händeringend den Lenker umgerissen hätte und sah auf diese Weise wie ein Karpfen aus, der nach Futter schnappte – ein unheimlich hübscher und liebenswerter Karpfen, der mir im Moment das Gefühl gab, dass ich einfach zu jung war, um die Probleme dieses fast erwachsenen Karpfens vollends nachzuvollziehen. „Bleib mal stehen.“, meinte ich mit gewollter Tragik in der Stimme, als hätte sie eine Angelleine in der Flosse. „Es regnet noch.“, erwiderte sie vorwurfsvoll, zog aber dennoch leicht planlos schauend die Bremsen an.
Beim dem Versuch so schlagartig-theatralisch wie möglich abzusteigen, stolperte ich über mein Fahrrad, das daraufhin im Straßengraben verschwand. Die fünf Schritte zwischen ihr und mir, die sie verdutzt und wahrscheinlich mit dem Gedanken, ob sie mich auslachen oder über meine Tollpatschigkeit hinwegtrösten sollte, verbrachte, schienen mir zu lang und als ich schließlich meine Arme um sie legte, stieß ich mir ihren Lenker in die Nieren. Ich zuckte vielleicht auch leicht zusammen, aber der immer noch prasselnde Regen und der frostige Wind ließen uns ohnehin zittern und aus irgendeinem Grund erwuchs in mir trotz allem das Gefühl, soeben zu einem hoffnungsbringendem und nicht mindererwachsenem Karpfen geworden zu sein. „Es kann sein, dass ich das alles nicht richtig verstehe; aber reicht es nicht, wenn ich zittrige Hände bekomme, sobald ich deine Stimme höre, wenn ich jeden Tag damit verbringe an dich zu denken und wenn es mich mit jeder Sekunde mehr nach dir verzehrt?“

Seltsamer Weise begann sie in diesem Moment noch mehr zu zittern, obwohl uns beiden doch eigentlich wärmer sein müsste. „Weißt du“, fuhr ich fort. „ich glaube, wir müssen einfach ein bisschen die Luft anhalten. Schau mal, du bist der humorvollste und verrückteste Mensch, der mir jemals begegnet ist. Du bist dermaßen lebensfroh, dass die Leute um dich herum es automatisch auch werden, du hast Talent, du siehst mordsmäßig gut aus, dir stehen alle Türen offen... Wenn sich hier jemand über irgendetwas Sorgen machen sollte, dann bin es wohl ich, weil ich da einfach nicht mithalten kann.“

Das war eines dieser Gespräche, die wir beide eigentlich so ungern führten, dass es zuvor wohl auch nur zweimal dazu gekommen war. Diese Momente, wo dann alles so wunderbar gesagt wird, dass niemand mehr Worte findet, um den anderen mit Romantik oder was auch immer daran hing, zu übertrumpfen. Ich wurde dann meistens immer kleinlauter und unsicherer und wir landeten irgendwann bei lasziven Bemerkungen und Keksen. Aber hier gab es keine Kekse. Nur ein paar mickrige Bäume, über die jeder Vollausgewachsene hätte drüberschauen können, zwei Fahrräder, das eine lieblos in einen Straßengraben geschmissen, das andere von zwei sich umarmenden Individuen okkupiert und der immer noch anhaltende Regen, der schon lange mit der Pfützenbildung begonnen hatte. Allerdings lief warmes Wasser an meinem Nacken entlang und ich fragte mich für kurze Zeit, ob es dafür irgendeine logische Erklärung geben könnte, während meine Gedanken sich irgendwo zwischen Gerührtheit und Unsicherheit verloren. Letztere wurde nur noch verstärkt, als mein rechtes Ohr das heisere Flüstern vernahm, welches mir einen Schauer über den Rücken jagte und gleichzeitig von einer sanften Wärme begleitet war: „Sehr einseitige Sicht der Dinge.“ Die darauf folgende Gänsehaut, die schmale weiche Nase, die sich an meiner Schläfe entlang schob und der heiße Atem, der gefolgt von zwei zarten, feuchten Lippen meinen Hals erreichte, hätten gereicht, um mich vollkommen K.O. zu setzen. Mein Geist jedoch wurde ohnmächtig, als sich ihre Hände zu weit nach unten schoben und dabei fast beiläufig den Fahrradlenker beseitigten; meine Knie begannen zu zittern, als die Finger ihr Ziel erreichten und der Mund seine Tätigkeit fortsetzte und schließlich den meinen automatisierten; mein Karthago war nicht mehr auffindbar, als auch noch ihre Schenkel ihresgleichen suchten. Es würde Jahre brauchen, diesen Schaden zu beheben, soviel war sicher.

Es donnerte noch mehrere Male und ich glaubte auch hin und wieder Anzeichen von grellem Licht irgendwo in der Ferne deuten zu können, doch viel beeindruckender war die Tatsache, dass sich ein unter einen Schirm geducktes Pärchen neben uns vorbeischlängelte, wahrscheinlich einen arg interessierten Blick auf uns, das Fahrrad im Graben und schließlich die Kombination wir-und-Fahrrad-im-Graben geworfen hatte und dann weitergedackelt war und mein sonst so soziophobisches Hirn nicht einmal Alarm geschlagen hatte. Vermutlich hatten die beiden auch zu sehr den Eindruck erweckt, in einem Film von Roger Michell gelandet zu sein, als dass sie meine Gedanken hätten mehr beschäftigen können, als das, was mir seit gefühlten fünfundzwanzig Jahren die Nackenhaare aufstellte.

Die Momente, in denen man sich schlagartig irgendwelche Dinge fragt – beispielsweise, ob man eigentlich in der Lage ist, die Richtung zweier Kräfte zu berechnen, oder ob man wirklich rückwärts einparken kann –, sind entweder die, wenn die Physikklausur ansteht, oder wenn die Fahrprüfung längst vorbei ist. Bei mir war schon immer die Spätzündervariante der Fall; und in diesem Moment fragte ich mich gerade, ob ich wirklich was vom Küssen verstand und ob meine Hände auch die richtigen Stellen erwischt hatten – nicht, dass diese Fragen bei vorangegangenen Malen nicht ebenso verheißungsvoll plötzlich aufgetreten waren. Reklamationen bekam ich jedenfalls keine, und der leicht zufriedene Blick, der meine hoffnungssuchenden Augen empfing, hing bestimmt nicht mit der Tatsache zusammen, dass wir beide uns wahrscheinlich eine Lungenentzündung eingefangen hatten und es trotzdem immer noch vom Himmel heruntergoss, wenn auch – natürlich objektiv betrachtet – die Wolken schon ein wenig heller und freundlicher geworden waren.

„Dann hol mal Jolly Jumper aus dem Graben!“, meinte sie mit einem glaubwürdig mitleidigen Blick, aber einem Humor, der vermuten ließ, dass nichts geschehen wäre. –
Gesagt, getan und wenige Augenblicke später schwang sich ein triumphierender Lucky Luke, der ebenso sehr das mitbekommen hatte, was er eben ernsthaft getan hatte, wie Rantanplan die Fleischwurst in Averells Besitz, auf seinen treuen, schlammbespränkelten Begleiter und lächelte die Irin Jenny in verlegener Weise an, bevor beide weiter in Richtung Heimat ritten.

Dienstag, 22. Januar 2008

De se rendre compte

Hier noch eine etwas längere und deshalb im PDF-Format einsehbare Geschichte =)).

De se rendre compte

(Der Zweittitel hatte sich bereits erledigt, als ich den "Augsburger Kreidekreis" gelesen hatte ;) ).

Amy In The White Coat

Manchmal waren es Gedanken, die ihr einfach nur durch den Kopf jagten, wenn sie den Tag allein verbrachte, oder der Lärm der Verschwiegenheit den Kopf zum Zerspringen brachte. Manchmal waren es Träume, die ihr in den Nächten begegneten, nachdem sie zu lang wachgelegen hatte. Manchmal waren es auch einfach nur derartig bedrückende Gefühle, die ihr die Brust sprengten und ihre Augen zu schmerzlosen Tränen drängten. Es waren die einzigen Ausflüchte ihrer selbst und gleichzeitig der einzige Teil ihres Daseins, der ihr nicht den Schlaf raubte – oder ihre Sehnsucht – oder ihre Träume – oder ihre Empfindungen – oder ihre Jungfräulichkeit.


Die Weide neigte sich leicht, aber lautlos mit dem Wind und ihre Äste geißelten sich gegenseitig, spielerisch um sich schlingend, während sie mehr und mehr an Farbe verloren. Schlagartig verwandelte sie sich in ein Gespenst in wehenden Laken; lethargisch, blass und dem Wind folgend.
Schneeweiße Füße setzten sich über einen knorrigen, ausgedorrten Baumstamm hinweg und landeten im Moos, unter dem das Unterholz knackte und durch die feucht-grüne Oberfläche stieß. Und sie flog weiter über die bräunlich verfärbten, von den Bäumen verstoßenen Blätter, auf den Fersen dreckglitzernde Spritzer und die Gegenwart.

Die Nymphe ließ sich schließlich, beraubt ihrer Sprache, an das Ufer ihres Ursprungs fallen und schöpfte die Erfahrung der Heimkehr wie Atem aus kühler Luft. Und der Wahn stand ihr zu Gesicht, er verführte ihr Denken, duftete nach Acryl. Und der Nebel legte sich ihr auf wie eine Decke und hüllte sie in den Schein von Geborgenheit, schlug ihr Flehen aus. Und sie schlief ein; am Rande des starr-klaren, türkis verfärbten Spiegels, der sanft und unmerklich Wellen schlug.
Die letzte war sie selbst.


Entfärbte jadegrüne Augen, versteckt unter einer Wolke von Brauen, starrten sie, umspielt von zarten Falten, an, als sie die verschwommenen Schleier aus ihrem Blick verbannt hatte. Schlagartig sog sie, die Stumme, die Reglosigkeit ihrer Umgebung in sich auf.
„Du solltest deine Haare seltener waschen.“
Rastlose Blicke schlitterten über ihr Gesicht. Ein Auflachen, das durch das Fenster drang, brachte die Stille um ihre Miene. Ein Zucken, dann verzogen sich ihre Mundwinkel fast unmerklich voneinander weg, als hätten sie vergessen, wie man lächelt. Darauf folgten die Bewegungen einer sich nach dem Schlaf aufrichtenden Katze. Flunsen stieben durch einen Kegel aus kaltem Sonnenlicht.

„Mach dich fertig.“
Sie strich sich selbst die gegeneinanderblitzenden Haare mit einer hartstichigen Bürste, welche fetzige Locken erkennen ließen und in einem beißenden Kranz strahlten. Wieder blitzte Jade über das blasse, von Sommersprossen entartete Gesicht. „Deine Lippen…“ Die zerbrechlichen Hände tasteten nach einem farblos glänzenden Kaminrot. Die personifizierte Wortlosigkeit zog neue Schleier auf. Sie vergaß zu atmen. Knarren von Treppenstufen.
Ein Hauchen verließ die Stille. Die Letzte war sie selbst.


Es war keine Zeit mehr, ihr mahnendes Spiegelbild zurückzulassen. Als er die Schwelle zu den Dielen des von immer heuchlerischerem Licht umschmeichelten Raumes unter seinem Gewicht zum ächzen brachte, schloss der Wind vor Gleichgültigkeit das Fenster.
Er, der sie hätte beschützen sollen; er, der ihr Heil Sicherheit hätte zeihen sollen; er hüllte sie ohne einen Hauch von Andacht erst in Fesseln, dann in Furcht und zuletzt in Leblosigkeit. Von der nun still und glatt daliegenden türkisen Oberfläche, wurden nur matte, sinistrierte, jadefarbene Ovale wiedergespiegelt, die mit jedem Zucken, das sie durchfuhr, ein wenig mehr an Glanz und Grün verloren hätten, wenn nicht kleine Perlen, trostspendend und erlösend, den Spiegel mitleidig hinabgetanzt wären und den Schmerz und die Verzweiflung von ihr genommen hätten.
Und die letzte war nur ein weiterer Teil ihrer selbst, der sich in stummen Schreien verlor.

Schwarz/Weiß

Die leichten erkennbaren Nuancen in der Schwärze begannen sich langsam zu drehen, als ich mich behutsam aufsetzte. Immer schneller und schneller – bis sie einen weißen Punkt bildeten, der langsam Form annahm und schließlich zu meinem Vertrauten wurde.
„Wiedereinmal so traurig, hm?“, fragte eine Stimme in meinem Kopf. „Traurigsein ist die Vergänglichkeit, Kleiner. Die Welt gehört den Lächelnden.“ Ich verzog leicht gerührt die Mundwinkel und spürte, wie meine erhitzten Wangen eine sanfte, rote Wärme herausstoben. Der Punkt tanzte indessen verspielt vor meinen Augen hin und her, ohne dabei auch nur einen einzigen Ton zu erzeugen.
„Na, was macht dir soviel Sorgen?“, forschte die Stimme mit überlegener, freundlicher Wärme. Du, hauchte ich. „Was?!“ – Du. Stille; -
Der Punkt war vor meinen Augen zum Stehen gekommen und zitterte nur noch leicht, indem er auf mich zu schwebte. „Ich?!“, fragte die Stimme. Keine Antwort.
„Aber...“ Die Stimme versank in Ratlosigkeit, die nur einen Augenblick später totaler Stille Platz machte. Ich hörte nur das dumpfe Pochen in meinen Schläfen. – Ich musste etwas sagen.
Es ist die Dunkelheit... Sie wäre perfekt; - ohne dich. – „Ist das so?!“ Ich hörte deutlich die plötzliche Empörung. Versteh mich nicht falsch, ich bin nur... – „Oh, ich verstehe schon.“ Abermals Stille. Der Punkt stand nun regungslos zwischen meinen Augen, sodass ich erstmals sehen konnte, wie er pulsierte ... wie in Zeitlupe; auf, ab ... auf, ab...Schwärze. Meine Augen begannen zu kreisen.
Bitte geh nicht. Keine Antwort. Bitte! Nichts... Bis auf: Tapf tapf tapf. Ich drehte mich noch sitzend um und stützte meine Hände in das farblose Gras in der Schwärze, um zu sehen, wie zwei weiße Schuhe vor mir zum Stehen kamen. „Ich werde nicht gehen.“, meinte die Stimme in meinem Kopf. Gut., meinte ich und saß einen Moment später wieder reglos wie zuvor. Empört schoben sich die weißen Schuhe um mich herum, bis sie meine Sicht ein weiteres Mal erleuchteten. „Warum muss alles vollkommen sein?“, fragte die Stimme in meinem Ohr. „Warum kann nicht einfach alles unvollendet bleiben?“ – Weil dann nichts mehr sicher ist., antwortete ich bestimmt, wenngleich ich mir der zweifelhaften Logik dieser Antwort bewusst war. „Aha...“ Die Schuhe begannen vor meinen Augen miteinander zu tanzen und sich gegenseitig zu umschmiegen.
„Aber was ist ‚Sicherheit’ und wofür brauchst du es?“, versuchte die Stimme nach einer Weile zu ergründen. Ich schloss kurz die Augen. Das verstehst du nicht. – „Ich will es aber verstehen!“ Die Bestimmtheit überraschte mich, verflog aber in den folgenden Worten wieder gänzlich: „Ich will dich verstehen. Wer bist du? Was machst du hier? Warum willst du Sicherheit? Was ist-“ – Wenn ich es doch sage... – „Nein, versuch es!“ Da war die Bestimmtheit wieder – ich schmunzelte für einen Sekundenbruchteil traurig in mich hinein. Ich weiß es selbst nicht. Ich wusste es tatsächlich nicht. Wer war ich? Was tat ich dort? Warum wollte ich Sicherheit? – Was ist aus mir geworden?
„Du weißt es selbst nicht?“ Sie bohrte in meinem Kopf. Ich weiß es selbst nicht., wiederholte ich. Ratlose Stille.
Ein weißer Handschuh legte sich auf meine Schulter und strich mir langsam den Nacken hinauf, sodass ich Gänsehaut bekam. „Dann bleib hier bei mir.“ – Ich kann nicht. Mein ohnehin von der Schwärze verwaister Blick wurde schummrig und verschwamm schließlich, während ich blinzelnd gegen das kitzelnde Gefühl zwischen meinen Lidern ankämpfte. Tapf tapf...

Weiße Knie landen in meinem Schoß. Ich schließe abermals die Augen und schlucke. Ich kann nicht... Meine Stimme ist so hauchdünn geworden, dass ich mich selbst fast nicht mehr hören kann.
Ein weißer Mund berührt den meinen und streicht zart über meine Lippen. Ich beginne wie wild zu blinzeln und spüre, wie mich eine sanfte, lähmende Wärme umfängt.
Und während meine Hände noch silbern schimmernde Hüften umfassen, versinkt mein Kopf im Gras und alles um mich herum verschwimmt miteinander, bis schließlich nur noch kleine gräuliche Nuancen in der allumfassenden Schwärze zurückbleiben.
Ich werde ein Teil dieser Schwärze. Doch aus irgendeinem Grund verspüre ich keine Angst, keine Unsicherheit. Ich weiß, dass ich jemand bin, ich habe alle Gewissheit, die mir diese sonderbare Welt vorenthalten hat - aber ich bin nicht glücklich...

Und dann beginnen die leichten erkennbaren Nuancen in der Schwärze sich langsam zu drehen, als ich mich behutsam aufsetze. Immer schneller und schneller...

Black & White

The soft, recognizable nuances in the blackness began to spin around slowly, when I sat up carefully. Faster and faster - until they formed a white point, which finally slowly crystallized and became my familiar one.
”Once again so sad, hum?”, a voice in my head asked. “Sadness means short-living, my dear. The world is for the smiling.” I twisted my lips slightly moved and felt how my cheeks heated up a gentle, red warmth. Meanwhile the point danced playfully in front of my eyes, back and forth, without producing any sound.
”Well, what is the reason of you worrying?”, the voice researched friendly, with a superior warmth. You, I whispered. “What?!” – You. Absolute silence; -
The point had come to a halt in front of my eyes and now trembled lightly. “Me?!”, the voice asked. No answer.
”But…” the voice sank in embarrassment, which only one instant later made place for total silence. I did not hear anything except of muted pounds in my temples. - I had to say something.
It is the darkness… It would be perfect; - without you being here. – “Is it like that?!” I heard clearly the sudden indignation. Do not understand me wrong, I’m only… - “Oh, I totally understood, yet.” Again silence. The point now stood motionless between my eyes, so that I could see its pulsation for the first time … as in slow motion; up, down… up, down… blackness. My eyes began to circle around.
Please do not go away. No answer. I’m begging you! Nothing… Up to: Tap tap tap. I turned around still sitting, setting my hands into the colorless grass in the blackness, in order to see, how two white shoes came to a halt right before me. “I will not go.”, the voice in my head assured. Well., I said and one moment later I sat again as motionless as before. Infuriated the white shoes slid around me, until they illuminated my view again. “Why must everything be perfect?”, the voice in my ear asked. “Why cannot everything remain simply unfinished?” – Because then nothing is safe anymore., I answered certainly, although I was aware of the doubtful logic of this response. “Ah…” The shoes began to dance in front of my eyes, one with another, and then they snuggled mutually.
“However, what is ‘security’ to you and for what do you need it?”, the voice tried to fathom after a while. I closed my eyes for an instant. You would not understand that. – “I want to understand it, nevertheless!” The certainty surprised me, however, flew away in the following words again completely: “I want to understand you. Who are you? Why are you here? Why do you want ‘security’? What actually-” – Oh, I nevertheless said that… – “No, attempt it!” There was this certainty again; – I sadly smiled into myself for a fraction of a second. I do not know it. I did not know it actually. Who was I? What did I do there? Why did I want security? – What actually happened to me? “You do not know?” She drilled in my head. I do not know it., I repeated. Helpless silence.
A white glove sat down on my shoulder and stroked itself slowly along my neck, so that I got goosebumps. “Then remain here with me.” – I cannot. My view became an orphan by the blackness and blurred finally, while I fought blinking against the tickling feeling between my eyelids. Tap tap…

White knees land in my lap. I close my eyes again and swallow. I cannot… My voice has become so thin that I nearly am not able to hear myself any more.
A white mouth touches the mine and strokes tenderly over my lips. I wildly begin blinking and feel a gentle, paralysing warmth clasping me.
And during my hands still grasp to shimmering hips, my head sinks into the grass and everything around me blurs, until finally only those small grey nuances remain in the all-comprehensive blackness.
I become a part of this blackness. But for any reason I do not feel any fear, no uncertainty. I know that I am someone, I do have all certainty, which this strange world had withheld from me – however, I am not lucky…

And then the soft, recognizable nuances in the blackness begin to spin around slowly, when I sit up carefully. Faster and faster …

Das Fläschchen voll Bergluft

Das Fläschchen voll Bergluft begann sich stetig zu erhitzen und nahm nach und nach einen rötlichen Schimmer an. Der Liebende setzte sich neben die kleine Flamme auf den Tisch und beobachtete, wie ihre kleinen Finger geschickt um das bauchige Turmalingefäß tanzten und es mit ihrer Hitze in Ekstase hielten.
Der Liebende erinnerte sich gut an dieses Gefühl, obgleich er die Flammen das letzte Mal vor langer Zeit entbrannt hatte. Es war für ihn wie der Hunger und der Drang zum Schlafen. Dennoch hatte er beides lange genug ignoriert, um in diesem Moment abgemagert und mit fast gänzlich schwarz unterlaufenen Augen hier auf dem Tisch zu sitzen und sich zu fragen, wie lange die Flammen wohl diesmal aushalten würden, bis sie erloschen, um eine unmerkliche braune Verfärbung an der Unterseite des Fläschchens zu hinterlassen.

Seine Finger schoben sich unweigerlich auf der glatten Oberfläche des Tisches entlang, um kurz vor der Konstellation innezuhalten. Er traute sich nicht, über den sanften Abfall des kleinen Gefäßes zu streifen, ihren Hals zu berühren und schließlich die Hand in eben jene Flammen zu versenken, die das Fläschchen in ihrem verspielten Zaum hielten.

Der Liebende zog seine Hand zurück und beruhigte seine Gänsehaut, indem er jene über seinen abgestützten Arm schob. Die Flammen züngelten weiter um den Bauch des edlen Behältnisses und setzten abermals ihren Betrachter in leblose Stille, die nur das Spiegelbild des Feuers in seinen feuchten Augen zuließ. Und diesmal wuchs das Verlangen zu einem übermächtigen Schwall aus Hitze in ihm an. Der Liebende wusste gut, dass Verzehr dem Aktiven zu eigen war – doch es verzehrte ihn. Solange, bis er zum Schatten seiner selbst schrumpfte und die Flammen die Oberhand gewannen.

Der Liebende war gefangen. Es fiel Schnee, es fiel Regen und dann schließlich stießen knisternde Funken herab und gruben sich tief in die Haut seiner leblosen Hülle.

Und obgleich es dem begehrten Feuer dienlich war und obgleich die Sehnsucht nach den Flammen größer war als der Schmerz; –
Der Liebende löschte die Flammen mit einem einzigen, letzten Atemzug, der seine Lungen zu neuem, daseinslosem Leben erweckte.

Das Fläschchen zischelte leicht vor sich hin, bevor es wieder in seiner alten Stummheit verharrte. Und zurück blieb ein Hauch von Bergluft und der Status quo eines Liebenden.